aus der jüdisch-christlichen Gemeinschaftsfeier am 13. Juli 2014

FREIHEIT – VIELFALT – EUROPA
Jüdisch-christliche Gemeinschaftsfeier
am 13. Juli 2014, 17 Uhr, in St. Matthias, Trier
Ein Teil der Texte wurde auch auf russisch, ein Teil auf hebräisch, das meiste auf deutsch vorgetragen; die Übersetzung war jeweils auf dem ausgeteilten Liedblatt zu lesen. Es haben der Chor der jüdischen Gemeinde, Kantor El Chanan Heymann aus Stuttgart, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Frau Bakal, eine Schola der Abtei St. Matthias, der Abt von St. Matthias Bruder Ignatius, an der Orgel Herr Müller, als Lektoren außerdem Peter Szemere und Thomas Kupzik mitgewirkt; die Einführung in die erste Lesung und die Predigt wurden Bruder Johannes Lütticken und Pfr. i.R. Ulrich Dann vorgetragen.
Hier folgen einige der Texte:


1. TEIL


Psalm 87 Heimatrecht in Zion
Der Herr liebt (Zion), seine Gründung auf heiligen Bergen; /
mehr als all seine Stätten in Jakob liebt er die Tore Zions.
Herrliches sagt man von dir, /
du Stadt unseres Gottes. [Sela]
Leute aus Ägypten und Babel /
zähle ich zu denen, die mich kennen;
auch von Leuten aus dem Philisterland, /
aus Tyrus und Kusch /
sagt man: Er ist dort geboren.
Doch von Zion wird man sagen: /
Jeder ist dort geboren. /
Er, der Höchste, hat Zion gegründet.
Der Herr schreibt, wenn er die Völker verzeichnet: /
Er ist dort geboren. [Sela]
Und sie werden beim Reigentanz singen: /
All meine Quellen entspringen in dir.

Einführung zur 1. Lesung
Die hebräische Bibel ist ein großartiges Zeugnis der Liebe Gottes zum Volk Israel, das er auch seinen Sohn nennt. Zugleich wird aber immer wieder deutlich, dass er der Schöpfer der ganzen Welt ist und seine ganze Schöpfung liebt, also auch die anderen Völker. Ein besonders schönes und bekanntes Beispiel für diese Liebe zu Israel und allen Völkern ist Gottes Anrede an den ersten Stammvater Israels, Abraham, der zugleich der Stammvater der arabischen Welt ist. Ihm wird Segen verheißen und reiche Nachkommenschaft. Aber Gott segnet Abraham nicht auf Kosten der übrigen Welt, sondern im Gegenteil, durch ihn soll der Segen Gottes sich auf „alle Geschlechter der Erde“ ausbreiten. Man könnte also sagen, Gottes Liebe zu seinem Volk Israel hat die Zweckbestimmung und Aufgabe, seine Liebe zu allen Menschen konkret werden zu lassen.
Hören wir aus dem 1. Buch Mose, Genesis, hebräisch Bereschit, im 12. Kapitel.


1. Lesung: Der Segen Abrahams Gen 12, 1-3
Der Herr sprach zu Abram:
Zieh weg aus deinem Land,
von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus
in das Land, das ich dir zeigen werde.
Ich werde dich zu einem großen Volk machen,
dich segnen und deinen Namen groß machen.
Ein Segen sollst du sein.
Ich will segnen, die dich segnen;
wer dich verwünscht, den will ich verfluchen.
Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.


2. TEIL


Psalm 100 Danklied
Jauchzt vor dem Herrn, alle Länder der Erde! /
Dient dem Herrn mit Freude! /
Kommt vor sein Antlitz mit Jubel!
Erkennt: Der Herr allein ist Gott. /
Er hat uns geschaffen, wir sind sein Eigentum, /
sein Volk und die Herde seiner Weide.
Tretet mit Dank durch seine Tore ein! /
Kommt mit Lobgesang in die Vorhöfe seines Tempels! /
Dankt ihm, preist seinen Namen!
Denn der Herr ist gütig, /
ewig währt seine Huld, /
von Geschlecht zu Geschlecht seine Treue.


2. Lesung: Israel zwischen Ägypten und Assur: Jes 19,16-25
AN JENEM TAG werden die Ägypter wie die Weiber sein: Sie erschrecken und zittern, wenn der Herr der Heere seine Faust gegen sie schwingt. Das Land Juda wird für Ägypten zum Schrecken werden. Sooft man Judas Namen erwähnt, erschrickt Ägypten vor dem Plan, den der Herr der Heere gegen Ägypten gefasst hat.

AN JENEM TAG werden fünf Städte in Ägypten die Sprache Kanaans sprechen und beim Herrn der Heere schwören. Eine von ihnen wird Ir-Heres (Sonnenstadt) heißen.
AN JENEM TAG wird es für den Herrn mitten in Ägypten einen Altar geben und an Ägyptens Grenze wird ein Steinmal für den Herrn aufgestellt. Das wird ein Zeichen und Zeugnis für den Herrn der Heere in Ägypten sein: Wenn sie beim Herrn gegen ihre Unterdrücker Klage erheben, wird er ihnen einen Retter schicken, der für sie kämpft und sie befreit. Der Herr wird sich den Ägyptern offenbaren und die Ägypter werden an jenem Tag den Herrn erkennen; sie werden ihm Schlachtopfer und Speiseopfer darbringen, sie werden dem Herrn Gelübde ablegen und sie auch erfüllen. Der Herr wird die Ägypter zwar schlagen, er wird sie aber auch heilen: Wenn sie zum Herrn umkehren, lässt er sich durch ihre Bitte erweichen und heilt sie.
AN JENEM TAG wird eine Straße von Ägypten nach Assur führen, sodass die Assyrer nach Ägypten und die Ägypter nach Assur ziehen können. Und Ägypten wird zusammen mit Assur (dem Herrn) dienen.
AN JENEM TAG wird Israel als Drittes dem Bund von Ägypten und Assur beitreten,  zum Segen für die ganze Erde. Denn der Herr der Heere wird sie segnen und sagen: Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assur, das Werk meiner Hände, und Israel, mein Erbbesitz

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Predigt (1. Teil)
Abraham soll ein Segen sein für alle Völker, haben wir in der ersten Lesung gehört. Der Prophet Jesaja wendet dies auf die Situation seiner Zeit an: Israel sieht sich eingekeilt zwischen den beiden Großmächten Assur (Assyrien) und Ägypten. Da wird ihm der Blick geöffnet; er sieht eine Zukunft, wo die gegenseitige Bedrohung dieser Mächte überwunden ist; Diese Zukunft ist vom Segen Gottes bestimmt, vom allumfassenden Segen Gottes.
Allerdings sieht Jesaja (in unserm Text) Ägypten nicht nur als drohende Großmacht und als benachbartes Ausland; zur Zeit Jesajas war Ägypten bereits das Land einer jüdischen Diaspora, hier wohnten bereits viele Juden. Aus dieser Ansiedlung von Juden auf ägyptischem Boden eröffnet sich für den Propheten eine überraschende, heilvolle Perspektive.
Er schildert das so: Zunächst macht die Macht Gottes den Ägyptern Angst - wie ein feindliches Heer, das alles niederwalzend ins Land einbricht. Hier aber  anders: Gottes Macht zerstört das Land nicht, sondern sie schafft eine neue Gemeinsamkeit in der Sprache und im religiösen Bekenntnisses: Normalerweise müssen die Einwanderer die Sprache des Landes übernehmen; in der Vision des Jesaja aber übernehmen die Einwohner Ägyptens die Sprache der Einwanderer an Kanaan. So ist dann auch die Grenze zwischen Israel und Ägypten aufgehoben. Der Malstein an der Landesgrenze und der Altar in der Landesmitte machen klar: ganz Ägypten ist ein Gott geweihtes Land. Letztendlich stehen Israel und Ägypten vor Gott nun auf gleicher Höhe. Ägypten wird Gott erkennen (wie Israel). Dies geschieht auf dem schwierigen Weg durch Schuld und Gericht, Umkehr und Heilung. Einst hat Gott den Schrei der Israeliten gehört und sie aus dem Sklavenhaus Ägyptens errettet. Nun wird er auch zum Retter und Beschützer Ägyptens. Anfangs hat Gott sich auf ägyptischem Boden gezeigt, sich selbst offenbart. Nun kommt das auch der Bevölkerung dieses Landes selbst zugute.
Israel ist nun nicht mehr Zankapfel zwischen den Großmächten, sondern Bindeglied für ihren friedlichen Verkehr miteinander. Mit dem Zusammengehen der drei Völker – Assur, Ägypten und Israel - erfüllt Gott seine Verheißung an Abraham. Gott hatte einst sein auserwähltes Volk Israel aus Ägypten befreit. Das ist nun Ausgangsbasis (Grundstein) für die Befreiung aller Völker. Er ist Gott Israels, ja, aber er will jedem Volk, das ihn in der Not anruft, zu Hilfe kommen. Er ist der Richter, ja, aber er ist auch der Retter für alle Völker.
Diese Heilsbotschaft mag uns überraschen bei einem Propheten, der so viel Gerichts- und Drohbotschaften ausspricht. Im Rückblick auf den Segen Abrahams ist sie nur konsequent. Da Gott Abraham zum Segen für die Völkerwelt berief, ist Israel dazu bestimmt, den Frieden zwischen seinen Unterdrückern zu vermitteln. Ihm ist kein Segen allein für sich selbst zugesagt. Der Friede Israels wird ihm dadurch zuteil, dass es Gottes Segen an die Völker vermittelt, in deren Mitte es lebt. So wird Israel - in der Sicht des Propheten - zum Bindeglied der internationalen Ordnung und des Weltfriedens.


Predigt (2. Teil)
FREIHEIT – VIELFALT – EUROPA: in dem Motto der diesjährigen Woche der Brüderlichkeit spricht sich nicht nur eine Utopie aus, sondern zunächst einmal der Dank für bald sieben Jahrzehnte eines friedlichen Miteinanders der Völker in Europa, das sich seit 25 Jahren, mit dem Ende des Kalten Krieges, auch nach Osten ausgeweitet hat; der Dank für die Verbundenheit der europäischen Staaten in Freiheit und Vielfalt im Rahmen der EU, für eine politische Kultur, die geprägt ist von einem grundsätzlichen Bekenntnis zum Gewaltverzicht, zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Im dankbaren Blick auf diesen Weg liegt aber auch die Mahnung, ihn nicht als Selbstverständlichkeit anzusehen, dessen Fortgang ohne weiteres gewährleistet ist. Da sind heute die Konflikte um die Ukraine, das Anwachsen rechtsradikaler und populistischer, Europa und
Demokratie-feindlicher Gruppierungen, der Verlust verbindlicher Gemeinsamkeiten in der multikulturellen Durchmischung der Gesellschaft, die Drohung einer totalen Überwachung durch das Internet, die Labilität des Finanzsystems - das alles macht es dringlich, nach den Grundlagen zu fragen, die auch in Zukunft ein Europa in Freiheit und Vielfalt tragen.
Dieses Bewusstsein dafür, wie wenig selbstverständlich ein Europa in Freiheit und Vielfalt ist, kann uns öffnen für die Botschaft des Propheten. In seiner Sicht ist ein gewaltfreies Zusammenleben der Völker auch in unserer Zeit nicht einfach das Ergebnis gesellschaftlicher Faktoren, sondern die – überhaupt nicht selbstverständliche ‒ Manifestation des schöpferischen Wirkens Gottes, die Erfüllung des Segens Abrahams für unsere Zeit. Es ist darum auch die Frucht einer Vermittlung dieses Segens durch die Kinder Abrahams, die – wie damals in der ägyptischen Diaspora – heute unter uns leben. Frucht eines Segens, der in seiner schöpferischen Macht all das Dunkel überwindet, das sich über der Geschichte der europäischen Juden wie der der Völker Europas insgesamt durch die Jahrhunderte verdichtet hat, bis es im vergangenen Jahrhundert zu seiner furchtbarsten Entladung kam.
Es ist natürlich in erster Linie das ureigene Recht der Juden, sich selbst als von Gott erwählte Träger und Vermittler des Segens Abrahams auch für unsere Zeit zu verstehen. Aber unsere Kirchen – die evangelischen wir die römisch-katholische - haben in den vergangenen Jahrzehnten neu erkannt, dass aller Segen, den wir als Christen für das Ganze unserer Völker erhoffen, Teilhabe am Segen Abrahams ist. Und das heißt, dass er sich dem Wunder verdankt, dass trotz aller furchtbaren Erfahrungen der Vergangenheit und ihren Auswirkungen bis heute Israel sich als Minderheit unter unsere Völker mischt und – wie der Prophet es ausdrückt ‒ als Drittes ihrem Friedensbund beitritt.
Jüdisch-christliche Gemeinschaftsfeier ist – so gesehen – nicht ein Luxus, eine Geste multikultureller Verträglichkeit. Sie ist Gottesdienst, ein Akt des Glaubens, der gemeinsamen, öffentlichen Anerkennung des lebendigen Gottes, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, durch Christen und Juden, Akt der Anerkennung des Gottes, der die Kinder Abrahams auch heute zum Segen macht für alle Völker und ihnen allen dadurch Anteil gibt an seinem Segen. IHM gilt in dieser Feier unser Lobpreis und unser Dank dafür, dass wir heute in einem Europa der Freiheit und Vielfalt leben dürfen; seine Zusage gibt uns die Hoffnung, dass dieses Miteinander sich in Zukunft trotz aller Gefährdungen konsolidiert und vertieft; gibt uns die Entschiedenheit, gemeinsam dafür einzutreten – zum Segen für die ganze Erde.


ABSCHLUSS


Christliches Gebet
Herr Gott, wir danken dir, dass du Menschen und Völker in so großer Vielfalt geschaffen hast. Was sind die Völker Europas doch für ein bunter Strauß! Und mittendrin dein erstgeliebtes Volk, Israel. Du hast den Kindern Abrahams deinen Segen versprochen, und durch sie „allen Geschlechtern der Erde“.
Wir danken dir, dass du uns alle einbeziehen willst in deinen Segen, in deine große Liebe zu deiner ganzen Schöpfung.
Wir bitten darum, deinen Segen in der Geschichte spüren zu können:
- dass die Völker Europas, die sich lange genug blutig bekriegt haben, dich erkennen als den Gott, der Frieden stiften und Freiheit schenken will.
- dass das deutsche Volk, das sich im vorigen Jahrhundert so ungeheuerlich gegen Israel vergangen hat, lernt, die Vielfalt und die Einheit unter dem Gott Abrahams zu lieben.
- dass dein Geist der Liebe und der Wahrheit
uns zusammen führt in den unterschiedlichsten Völkern und Religionen.
Um diesen Geist bitten wir dich:
dass wir in Wahrheit und Liebe uns frei fühlen, unterschiedlich zu sein,
dass wir lernen, die Vielfalt auch als Bereicherung zu verstehen, als Glück und Segen.
Wir glauben, dass das Glück und Segen bedeutet für uns und alle um uns.
Wir glauben, dass du so uns und die Welt segnen willst. AMEN